Vom Labor auf die Strasse: Scania bringt Wasserstoff-Lkw in die Praxis

Fünf Wasserstoff-Brennstoffzellen-Lkw von Scania starten bei vier Schweizer Unternehmen in einen mehrjährigen Praxistest. Das Pilotprojekt soll zeigen, wie sich die Technologie unter realen Transportbedingungen bewährt – von Reichweite und Betankung bis zu Service und Wirtschaftlichkeit. Mit dem Produktionsstandort Kubel bei St. Gallen erhält der Versuch zugleich eine lokale Energieperspektive.


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Vom Labor auf die Strasse: Scania bringt Wasserstoff-Lkw in die Praxis

Fünf Fahrzeuge und viele offene Fragen

Wie alltagstauglich sind Wasserstoff-Lkw, wenn sie nicht mehr auf einem Prüfstand, sondern im anspruchsvollen Transportgeschäft unterwegs sind? Diese Frage steht im Zentrum eines Pilotprojekts von Scania Schweiz. Fünf Brennstoffzellen-Lkw sind bei Emmi Schweiz, Migros Ostschweiz, Retralog und Schwab-Guillod in den Praxiseinsatz gestartet. Die vier Unternehmen erproben die Fahrzeuge in unterschiedlichen Transportaufgaben und liefern damit Erfahrungen, die über die technische Leistungsfähigkeit hinausgehen: Entscheidend sind ebenso die Verfügbarkeit, der Energieverbrauch, die Wartung und die Integration in bestehende Betriebsabläufe.

Der offizielle Startschuss fiel am 7. Oktober 2026 bei der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) in Kubel bei St. Gallen. Der Standort ist nicht zufällig gewählt. Hier wird mit Strom aus Wasserkraft Wasserstoff erzeugt, der wiederum als Energieträger für den Strassenverkehr dienen kann. Damit treffen zwei Themen aufeinander, die für die künftige Güterlogistik zentral sind: die Dekarbonisierung des Schwerverkehrs und die Frage, wie erneuerbare Energie zuverlässig in den Transportalltag gelangt.

Das Projekt ist Teil des Scania-Pilot-Partner-Programms. Es handelt sich ausdrücklich um einen Lern- und Entwicklungsprozess, nicht um den Start einer serienmässigen Wasserstoff-Lkw-Baureihe. Die Fahrzeuge sollen unter realen Bedingungen zeigen, wo die Brennstoffzellentechnologie bereits überzeugt, wo betriebliche Anpassungen nötig sind und welche Fragen vor einer breiteren Anwendung noch geklärt werden müssen.

 

Dekarbonisierung gemeinsam mit den Kunden

Dirk Stüben, Senior Advisor e-Mobility Solutions und Verantwortlicher von Scania Pilot Partner erläuterte beim Auftakt in Kubel, wie der Hersteller die Transformation des Transportsektors angehen will: nicht allein im Entwicklungszentrum, sondern gemeinsam mit den Kunden. Die Dekarbonisierung soll nachhaltig umgesetzt werden, indem neue Lösungen dort erprobt werden, wo sie sich letztlich bewähren müssen – auf der Strasse und im täglichen Betrieb.

Dafür hat Scania eine internationale Taskforce aufgebaut, in der rund 65 Mitarbeitende mitwirken. Die Bandbreite erstreckt sich über neun Länder - von Europa über Australien und Neuseeland bis Lateinamerika. Insgesamt sind rund 50 Fahrzeuge in unterschiedlichen Pilotvorhaben im Einsatz. Dabei geht es nicht um eine einzige Technologie, die für alle Transportaufgaben passen soll, sondern um verschiedene Ansätze und deren Eignung für konkrete Anwendungen.

Der programmatische Anspruch lautet: «Vom Labor auf die Strasse». Die Erkenntnisse aus dem Alltag sollen in die weitere Entwicklung zurückfliessen. Das betrifft die Fahrzeuge selbst, aber auch den Betrieb, die Wartung, die Energieversorgung und die Organisation der Transportprozesse. Wasserstoff ist in diesem Konzept ein Baustein unter mehreren. Elektrische Antriebe mit Batterie, Wasserstoff-Brennstoffzellen und weitere Lösungen müssen je nach Einsatzprofil beurteilt werden. Hinzu kommt der Gedanke der Zirkularität: Energie, Infrastruktur, Fahrzeuge und Transportaufgaben sollen möglichst sinnvoll zusammenspielen. Nicht die Technologie um ihrer selbst willen steht im Vordergrund, sondern die Frage, mit welcher Lösung sich eine konkrete Transportleistung zuverlässig und möglichst emissionsarm erbringen lässt.

Nach Angaben von Scania befinden sich in Europa derzeit 17 Wasserstoff-Lkw im Piloteinsatz, fünf davon in der Schweiz. Die Fahrzeuge sind das Ergebnis einer mehrjährigen technischen Vorbereitung und umfangreicher Entwicklungsarbeit. Mit dem Einsatz bei den Schweizer Kunden beginnt nun eine entscheidende Phase: Aus technischen Annahmen sollen belastbare Erkenntnisse aus dem realen Betrieb werden.

 

Vom Elektro-Lkw zum Brennstoffzellenfahrzeug

Reto Trauffer, Leiter Verkauf E-Mobility bei Scania Schweiz, erklärte die technische Grundlage der Fahrzeuge. Das Brennstoffzellenkonzept baut auf einem elektrischen Lkw auf, der ab Werk als Basisfahrzeug bereitgestellt wird. Ergänzt wird er unter anderem durch das Brennstoffzellensystem, Lüfter, Wasserstoffspeicher, Kühler und die dazugehörige Software.

Der elektrische Antriebsstrang bleibt das Herzstück des Fahrzeugs. Die Brennstoffzelle wandelt Wasserstoff und Sauerstoff in elektrische Energie um, mit der der Elektromotor angetrieben wird. Als direkte Emission entsteht dabei im Wesentlichen Wasserdampf. Die Klimabilanz hängt allerdings nicht allein vom Fahrzeug ab, sondern auch davon, wie der Wasserstoff hergestellt, transportiert und bereitgestellt wird.

Die Integration der zusätzlichen Komponenten beeinflusst die Fahrzeugarchitektur. Weil die Lüfter hinter dem Fahrerhaus angeordnet sind, kommen für diese Konfiguration nur kurze Kabinen infrage. Der Umbau verlangt damit nicht nur zusätzliche Technik, sondern auch eine spezifische Abstimmung von Komponenten, Software und Fahrzeugaufbau.

Ein entscheidender Faktor ist die Betankung. Die Wasserstoffspeicher werden mit 700 bar befüllt – ein Druckniveau, das gegenüber früheren Anwendungen mit 350 bar eine höhere Speicherdichte ermöglicht. Die maximale Betankungsrate liegt laut den Projektangaben bei 60 Gramm Wasserstoff pro Sekunde. Je nach Ausgangsbedingungen und Tankvorgang ist damit eine Betankung in einer Grössenordnung von etwa 15 bis 25 Minuten möglich.

Die schnelle Energieaufnahme ist vor allem dort interessant, wo Fahrzeuge intensiv genutzt werden und lange Standzeiten möglichst vermieden werden sollen. Allerdings hängt die tatsächliche Einsatzleistung nicht nur von der Tankdauer ab. Ebenso wichtig sind die Fahrstrecken, die Zuladung, das Höhenprofil, die Verfügbarkeit von Tankstellen und die Möglichkeit, das Fahrzeug in die bestehenden Touren einzuplanen.

Die fünf Fahrzeuge des Typs Scania 40R A 6x2*4 NB verfügen über den elektrischer Antrieb EM C1-4 (400 kW) und einen elektrischen nebenantrieb von 60 kW. Mit installierten Batterien von 356 kKW beträgt das Leergewicht 13,8 t, während sich das Gesamtzuggewicht auf 40 bis 64 t beläuft. Die Reichweite von rund 900 km setzt sich zusammen aus ca. 600 km mit Wasserstoff und ca. 300 km mit elektrischem Antrieb.

 

Service und Finanzierung gehören zum Versuch

Die technische Erprobung endet nicht mit der Übergabe der Fahrzeuge. Scania hat für das Projekt ein Werkstatt- und Servicekonzept aufgebaut, hinter dem ein Kompetenzcenter in Kloten steht. Dort sollen die Wartungsarbeiten an den Pilotfahrzeugen koordiniert und die gewonnenen Erfahrungen gebündelt werden.

Ein eigens geschulter Fachtechniker von Scania hat die Schweizer Kollegen auf die neue Technologie vorbereitet und unterstützt sie im laufenden Betrieb. Die Schulung ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts: Wasserstoff-Brennstoffzellenfahrzeuge stellen andere Anforderungen als konventionelle Diesel-Lkw und auch als reine Batterie-Elektrofahrzeuge. Die Mitarbeitenden in Werkstatt und Service müssen mit den zusätzlichen Systemen, den Sicherheitsanforderungen und den spezifischen Wartungsabläufen vertraut sein.

Mit allen Pilotkunden wurden Wartungsverträge und Finanzierungsvereinbarungen getroffen. Scania verweist dabei auf ein Modell, das den betrieblichen Nutzen in den Vordergrund stellt: «Es wird bezahlt, wenn der Lkw rollt.» Für Transportunternehmen zählt schliesslich nicht allein, ob ein Fahrzeug technisch funktioniert. Es muss dann verfügbar sein, wenn Aufträge ausgeführt werden müssen.

Damit wird auch deutlich, was das Pilotprojekt leisten soll. Es prüft nicht nur einen neuen Antrieb, sondern das gesamte System aus Fahrzeug, Energieversorgung, Service, Finanzierung und Kundenbetrieb. Die fünf Schweizer Fahrzeuge liefern dafür den praktischen Ausgangspunkt.

Was sich die Firmenkunden von dem Projekt versprechen und welche technischen Herausforderungen für den Wasserstoff-Kreislauf bewältigt werden müssen, wird transport.CH in Kürze in zwei weiteren Beiträgen darlegen.

 

 


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